Das Netz des Lebens – Eine andere Art, Erfolg zu denken

Gedanken über Verbindung, Verkörperung und die Weisheit des Nicht-Wissens

Wir leben in einer Kultur der Zielerreichung. Karrierepläne, Fünfjahresstrategien, KPIs. Doch was, wenn diese Fixierung auf das Ankommen uns das Wesentliche übersehen lässt?

Unser Denken reicht selten über den Horizont unserer eigenen Erinnerungen und Projektionen hinaus. Wir stellen dem Leben enge Fragen: Werde ich es schaffen? Werde ich ankommen? Als gäbe es einen vorgezeichneten Pfad, den wir treffen oder verfehlen können.

Was, wenn die Antwort auf das Leben eine andere ist?

Stell dir vor, das Leben dreht sich gar nicht um Ziele, Etappen oder ein Endspiel. Stell dir vor, es ist ein schimmerndes Netz aus Möglichkeiten. Ein Netz, durchzogen von lebendiger Energie, gehalten von Zusammenhängen, die du weder planen noch kontrollieren kannst.

Alles, was deinem höchsten Wohl dient, leuchtet darin wie ein Juwel auf. Es erscheint, weil du lernst, dich innerlich dafür zu entscheiden. Weil du dich darauf einlässt.

Das Prinzip der gegenseitigen Abhängigkeit

Der buddhistische Philosoph und Friedensaktivist Daisaku Ikeda beschreibt dieses grundlegende Prinzip des Lebens so: „Alle Phänomene im Universum existieren im Kontext sich gegenseitig unterstützender Beziehungen. In dieser Sicht existiert nichts ohne Bedeutung und nichts wird verschwendet. Diese ‚Fäden‘ der Wechselabhängigkeit verwebend, hat das Universum Leben hervorgebracht und genährt, einschließlich des menschlichen Lebens auf diesem Planeten.“ 

Ikeda geht noch weiter: „Jede Lebensform unterstützt alle anderen; gemeinsam weben sie das große Netz des Lebens. Es gibt also wirklich kein privates Glück für einen allein, keine Trauer, die nur anderen gehört.“

Was bedeutet das für Führungskräfte? Deine Entscheidungen wirken niemals nur auf dich. Sie senden Wellen durch ein komplexes System von Beziehungen, Abhängigkeiten und Wechselwirkungen. Was du tust, formt das Feld, in dem alle anderen existieren.

Vom Ankommen zum Verkörpern

Was würde geschehen, wenn du aufhörst, dich darauf zu fixieren, irgendwo ankommen zu müssen? Wenn du stattdessen beginnst, im Erleben und Fühlen zu üben?

Versetze dich in die Erfahrung, die du leben möchtest – jetzt, in diesem Moment. Wer wärst du, wenn diese Empfindung bereits Wirklichkeit wäre? Könntest du diese Qualität heute schon verkörpern? Oder sie zumindest berühren?

Das ist mehr als positive Visualisierung. Es geht um eine grundlegende Verschiebung: vom Denken über das Leben zum Erleben des Lebens. Vom Planen zum Präsentsein.

Die Frage als Lebensform

Rainer Maria Rilke schrieb 1903 in seinen „Briefen an einen jungen Dichter“: „Haben Sie Geduld gegen alles Ungelöste in Ihrem Herzen und versuchen Sie, die Fragen selbst liebzuhaben wie verschlossene Stuben und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind. Forschen Sie jetzt nicht nach den Antworten, die Ihnen nicht gegeben werden können, weil Sie sie nicht leben könnten. Und es handelt sich darum, alles zu leben. Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antwort hinein.“

Was Rilke hier beschreibt, ist eine radikale Alternative zum zielorientierten Denken: Die Bereitschaft, mit Ungewissheit zu leben. Die Fragen nicht als Probleme zu behandeln, die gelöst werden müssen, sondern als Räume, die bewohnt werden wollen.

In der Führung bedeutet das: Manche Herausforderungen löst man nicht durch bessere Strategien oder mehr Daten. Man löst sie, indem man lernt, mit ihnen zu leben. Sie zu durchdringen. In sie hineinzuwachsen.

Die eigentliche Magie

Je vertrauter du mit diesem Netz des Lebens wirst, desto heller beginnt es für dich zu leuchten. Darin liegt die eigentliche Magie: Das Leben wartet nicht auf dich. Es feiert dich bereits. Es spricht beständig Einladungen aus, in deinem höchsten Potenzial zu leben. Die Frage ist: Hörst du sie?

Für die Praxis

Was bedeutet das konkret für deine Führung, deine Entscheidungen, dein Leben?

Es bedeutet, Kontrolle durch Präsenz zu ersetzen. Zu erkennen, dass du Teil eines größeren Ganzen bist. Dass deine Wirkung durch Verbindung entsteht, durch das Netz von Beziehungen, das du webst.

Es bedeutet auch, den Mut zu haben, nicht alle Antworten zu kennen. Die Fragen zu leben. Dich dem zu öffnen, was ist – und was werden will.

Das Netz trägt dich. Du musst nur lernen, ihm zu vertrauen.