Warum Vorhersagen weniger über die Zukunft aussagen als über uns selbst
Als guter alter Systemiker – und aus purer Freude an komplexen Systemen – beschäftige ich mich gern mit Vorhersagen. Nicht im Stil von Nostradamus, der behauptete, die Zukunft zu kennen, sondern als Resonanzraum: Vorhersagen zeigen, welche Muster wir wahrnehmen, welche Unterscheidungen wir treffen und welche Handlungsspielräume wir uns damit öffnen oder verschließen.
Systemisches Denken geht davon aus, dass Wirklichkeit konstruiert wird. Wer über 2026 spricht, spricht also immer auch über sich selbst – über die eigenen Annahmen, Ängste und Hoffnungen. Genau das macht solche Gedankenexperimente wertvoll: Sie triggern Selbstbeobachtung, machen innere Prozesse sichtbar und laden zur Ko-Kreation ein.
In diesem Sinne: drei Beobachtungen für 2026. Wer heute Abend noch Gesprächsstoff braucht, darf sie gerne in den Ring werfen. Kommentare auch als Metaphern, Orakelkarten oder Bilder eurer Bleigieß-Experimente herzlich willkommen.
These 1: Viele gesellschaftliche Konflikte sind nervensystemisch
Wir sprechen oft über ideologische Gräben, über Links und Rechts, über unterschiedliche Weltbilder. Ich vermute, dass viele dieser Konflikte tiefer liegen: im Nervensystem.
Das Nervensystem entscheidet, ob wir in Unsicherheit klar bleiben können oder in Reaktivität fallen. Ob wir Komplexität aushalten oder sie sofort vereinfachen müssen. Ob wir mehrere Perspektiven gleichzeitig halten können oder uns auf eine einzige Wahrheit zurückziehen.
Ich beobachte zwei Entwicklungen: Ein Teil der Gesellschaft reagiert auf VUCA – Volatilität, Unsicherheit, Komplexität, Ambiguität – mit Vereinfachung, Schuldzuweisung, Rückzug oder Aggression. Das ist eine nachvollziehbare Schutzreaktion eines überforderten Systems.
Ein anderer Teil entwickelt Ambiguitätstoleranz, Selbstregulation und Verantwortungsfähigkeit. Diese Menschen lernen, Unsicherheit zu halten, ohne sie sofort auflösen zu müssen.
2026 wird diese Unterscheidung sichtbarer: Führung, Institutionen und öffentliche Diskurse werden sich stärker danach sortieren, wer Komplexität halten kann – und wer flüchtet.
Mein Vorsatz: Menschen zu unterstützen, die Letzteres entwickeln wollen. Denn die lautesten Stimmen sind selten die klarsten.
These 2: KI und Automatisierung verschärfen die Sinnfrage – praktisch, nicht philosophisch
Effizienz, Automatisierung und Skalierung galten lange als Lösung. 2026 wird deutlicher: Sie lösen das Sinnproblem der Arbeit nicht. Sie verschärfen es.
Wenn Routinen automatisiert werden, wenn Prozesse effizienter laufen, wenn Skalierung möglich wird – bleibt eine Frage übrig, die sich nicht delegieren lässt: Warum tun wir das? Wozu dient das, was wir hier erschaffen?
Diese Frage ist keine philosophische Spinnerei. Sie wird zu einem harten Standortfaktor. Organisationen, die sie nicht beantworten können, verlieren Menschen. Nicht nur Talente. Menschen, die spüren: Hier geht es um etwas. Hier entsteht Bedeutung.
Freiheit – im Sinne von Hannah Arendt – entsteht dort, wo Menschen gemeinsam handeln, sprechen und Neues beginnen können. Wo diese Handlungsfreiheit eingeschränkt wird – durch Kontrolle, durch Konformität, durch Angst vor Fehlern –, stirbt etwas ab.
Ich vermute: 2026 wird diese Dynamik in vielen Organisationen spürbar. Die Frage „Warum tun wir, was wir tun?“ wird lauter. Und wer sie nicht beantworten kann, wird Menschen verlieren.
These 3: Selbstwert, Sicherheit und Zugehörigkeit werden zu zentralen Spannungsfeldern
Steigende Lebenshaltungskosten, Migration, demografischer Wandel, psychische Erschöpfung – all das verdichtet sich 2026 zu einer kollektiven Wertfrage: Für welche gesellschaftlichen Zustände übernehmen wir Verantwortung? Wo ziehen wir Grenzen?
Ich beobachte: Viele Organisationen und Gesellschaften scheitern an mangelnder Urteilskraft. Sie verwechseln Empathie mit Harmoniesucht. Sie vermeiden schwierige Entscheidungen, um niemanden zu verletzen. Sie schaffen psychologische Sicherheit, die sich nach Schonraum anfühlt – weil niemand mehr herausgefordert wird.
Das klingt gut gemeint. Doch eine Organisation, die Harmonie über Wahrheit stellt, wird irgendwann von der Realität geführt. Eine Gemeinschaft, die Zugehörigkeit an Konformität koppelt, verliert ihre Lebendigkeit.
Das Ende solcher Systeme kommt nicht durch Spaltung. Es kommt durch innere Verarmung: durch Moralismus, der Urteilskraft ersetzt, durch Anpassung, die echte Auseinandersetzung verhindert, durch Sicherheit, die Entwicklung ausschließt.
Menschen suchen nach Überschaubarkeit, Würde und Verlässlichkeit. Sie suchen nach Gemeinschaften, in denen sie gleichzeitig gefordert und gehalten werden. 2026 werden solche Räume wichtiger – und seltener.
Verdichtete Essenz: Die Frage nach Reife
Aus meiner Sicht werden 2026 Reifungslinien sichtbarer denn je. Gesellschaftlich wie individuell stellt sich eine schlichte, unbequeme Frage: Können wir Wahrheit, Komplexität und Verantwortung verkörpern – oder flüchten wir weiter in Vereinfachung, Schuld und Kontrolle?
Diese Frage lässt sich nicht theoretisch beantworten. Sie zeigt sich in der Art, wie wir führen, wie wir Entscheidungen treffen, wie wir mit Unsicherheit umgehen, wie wir Räume schaffen, in denen Menschen wachsen können.
Vorhersagen sind Konstruktionen. Aber sie zeigen, worauf wir achten. Und worauf wir achten, wird sichtbar.
Ich bin gespannt auf eure Resonanz.